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Versicherungsunternehmen, die den Konzern- oder Einzelabschluss nach IFRS zu erstellen haben, sind bekanntlich derzeit sehr intensiv mit der Umstellung des Rechenwerkes auf den neuen Standard IFRS 17 beschäftigt. Die Tatsache, dass IFRS 17 einer der komplexesten Standards ist, wurde im Rahmen dieser Projekte immer evidenter. Einer der wesentlichen Punkte: die Eröffnungsbilanz nach IFRS 17.

In der Einrichtung der Systeme ergeben sich hohe Komplexitäten nicht zuletzt aus den Anforderungen, wie ein Versicherungsvertrag über seinen Lebenszyklus vom Abschluss des Vertrages bis zu Auszahlung der letzten Leistung darzustellen ist. Diese Themen betreffen vor allem das, ab dem Anwendungszeitraum des Standards (derzeit vorgesehen: 2023), abzuschließende Neugeschäft.

Praktikable Alternativen

Das Gros des Versicherungsbestandes betrifft aber die zum Umstellungszeitpunkt bereits bestehenden Verträge, bei denen der Abschluss des Vertrages teilweise Jahrzehnte zurück liegt. Bei allen neueingeführten Bilanzierungsstandards sieht IFRS als Grundsatz vor, dass die Einführung retrospektiv zu erfolgen hat. Das heißt der Bilanzansatz ist so zu wählen, als ob schon immer die neu eingeführten Bewertungsregeln gegolten hätten. Dies ist auch bei IFRS 17 der Fall. Wenn immer möglich (der Standard spricht von „practicable“) soll daher der sogenannte „Full Retrospective Approach (FRA)“ angewendet werden. Allerdings stößt die Praktikabilität dieses Ansatzes relativ schnell an seine Grenzen. Die volle retrospektive Anwendung erfordert eine zumindest jährliche Aufrollung der vertraglichen Servicemarge (Contractual Service Margin – CSM) über die gesamte Laufzeit des Vertrages.

Aufgrund der Fülle an notwendigen Datenpunkten ist die Anwendung des FRA oftmals nicht praktikabel. Es stehen zwei Alternativen zur Verfügung, zwischen denen frei gewählt werden kann:

  • Modified Retrospective Approach (MRA)
  • Fair Value Approach (FVA)

Der MRA sieht grundsätzlich auch eine Aufrollung der CSM vor, allerdings muss nicht jedes Jahr separat aufgerollt werden. Die CSM bei Abschluss des Vertrages muss allerdings jedenfalls ermittelt werden. Das stellt die Unternehmen bei Verträgen, deren Abschluss mehr als zehn Jahre zurückliegt, vor schwer zu lösende Aufgaben. Für Verträge, die nach dem Variable Fee Approach zu bilanzieren sind, bestehen für den MRA eigene Regeln.

Sind weder der Full noch der Modified Retrospective ­Approach anwendbar, so bleibt dem Unternehmen nichts anderes übrig als den Fair Value Approach anzuwenden.

Beim Fair Value Approach wird die CSM implizit ermittelt:
Die Residualgröße aus Fair Value abzüglich des Zeitwertes der zukünftigen Cashflows und der Risikomarge stellt dann die CSM dar (Abbildung 1).

Beim Fair Value-Ansatz wird die vertragliche Servicemarge (CSM) implizit ermittelt

Fair Value eines Versicherungsvertrags

Das Konzept des Fair Values und der Fair Value-Bilanzierung geistert seit über 25 Jahren in der Versicherungswirtschaft herum. Das Grundproblem: Für Versicherungsverträge gibt es keinen Markt und Transaktionen von Versicherungsbeständen kommen daher relativ selten vor. Vor allem außerhalb Österreichs gab es in den letzten Jahren einige Transaktionen, im Zuge derer Run-off-Bestände entweder als gesamtes Unternehmen oder im Rahmen von Bestandsübertragungen bzw RV-Vereinbarungen übertragen wurden. Die Preise dieser Transaktion sind allerdings in der Regel nicht der Öffentlichkeit zugänglich und zumeist das Ergebnis monatelanger Verhandlungen.

Die Definition des Fair Values findet sich nicht in IFRS 17 sondern in IFRS 13. Danach ist der Fair Value jener Wert, zu dem im Rahmen einer marktüblichen Transaktion ein Vermögenswert veräußert oder eine Verbindlichkeit übertragen werden kann. Der Fair Value entspricht dabei einem Exit Value, dh eher der Sicht des Veräußerers und nicht des Käufers. Der Exit Value repräsentiert die Erwartung des Marktes an den im Zusammenhang mit dem Vermögenswert oder der Schuld stehenden Cashflow. Somit stellt sich in der Regel bei langfristigen Verträgen die Frage: Welchen Betrag muss man einem anderen Marktteilnehmer (Versicherungsunternehmen) zahlen, damit er bereit ist, die bestehenden Rechte aber vor allem Pflichten (= zukünftige Leistungen) aus dem Vertrag zu übernehmen?

Zur Bestimmung des Fair Values gibt es eine Bewertungshierarchie, auf deren Idee auch Solvency II beruht (Abbildung 2).

Die ersten beiden Stufen, die letztlich beide eine Börsennotiz von Versicherungsverträgen oder Portefeuilles verlangen, sind bei Versicherungsunternehmen nicht anwendbar. Somit wird es sich bei Fair Values von Versicherungsverträgen immer um eine Form der dritten Stufe („Level 3-Bewertung“) handeln.

In Unterscheidung des Berechnungsweges kann man nunmehr entweder eine direkte Variante (Bottom-up) oder eine indirekte Variante (Top-down) wählen, um den Fair Value zu ermitteln.

Bewertungshierarchie zur Bestimmung des Fair Value

Direkte Variante: Bottom-up

Die Bottom-up-Variante beruht auf der Überlegung, dass ein allfälliger Übernehmer des Bestandes im ersten Schritt untersucht, welche zukünftigen Zahlungsströme er sich aus den Verträgen selbst erwarten würde. Die Diskontierung würde in Zeiten von Solvency II wohl mit einer risikofreien Zinskurve erfolgen. (Auch wenn man natürlich zu Recht auf die Idee kommen könnte, die Diskontierung mit der erwarteten Rendite der Kapitalanlagen unter Berücksichtigung eines Abschlages zu ermitteln.) Somit wäre die Basis für die Bottom-up-Berechnung der Barwert der erwarteten Fulfilment Cashflows im Sinne des IFRS 17. Sollten wesentliche Unterschiede zwischen dem Kostenniveau des übertragenden und des erwerbenden Unternehmens bestehen, wird das mit Sicherheit im Rahmen der Kaufpreisfindung zu berücksichtigen sein. Für die Ermittlung eines echten Marktwertes sollte man wohl eindeutig erkennbare Abweichungen zwischen der Kostenstruktur des bilanzierenden Unternehmens und des Marktumfeldes bei den Fulfilment Cashflows bereinigen.

Wenn man bei einer Übertragung allerdings nur den Barwert der Fulfilment Cashflows als Abfindung erhält, hat das übernehmende Unternehmen a) keine Vorsorge für das Risiko erhalten, dass die Cashflows auch deutlich schlechter sein könnten und b) verdient es an diesem Vertrag in Zukunft auch nichts mehr, da ja nur die zukünftigen Leistungen und Kosten des Vertrages abgedeckt sind. Somit würde eine derartige Transaktion (zumindest zu diesem Preis) am Markt nicht zustande kommen.

Klar ist, dass im Rahmen einer Transaktion zum Barwert der Fulfilment Cashflows jedenfalls ein zusätzliches Ablöseelement (Abschlagszahlung) des übertragenden Unternehmens dazu kommen wird. Es gibt unterschiedliche Meinungen, ob das nur ein Element ist, das die Gewinnmarge und die Risikomarge kombiniert, oder ob eine getrennte Berechnung erfolgt. Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Die Diskussion ist (nicht zuletzt aufgrund der sehr seltenen Übertragung von Beständen) akademischer Natur.

Im Fall einer getrennten Berechnung erfolgt zuerst eine marktübliche Berücksichtigung des Risikos. Da allen Unternehmen das Risikomodell von Solvency II bekannt ist, würde sich die Solvency II-Risikomarge anbieten. Die Frage inwieweit sie wirklich marktüblichen Charakter bei Transaktionen hätte, birgt wiederum viel Potenzial für akademische Diskussionen.

Noch hat das erwerbende Unternehmen am zu übernehmenden Bestand nichts verdient. Um eine Gewinnmarge zu ermitteln, stehen vor allem folgende Vorgehensweisen zur Verfügung:

  1. Gewinnmarge von vergleichbaren, aktuell vom Erwerber vertriebenen Produkte
  2. Gewinnmargen des Marktes bei vergleichbaren Produkten
  3. Renditeerwartungen der Kapitalgeber

Für Punkt 1 spricht, dass dem erwerbenden Unternehmen die entsprechenden Informationen relativ leicht zur Verfügung stehen. Allerdings müssen die Margenerwartungen eines spezifischen Unternehmens nicht zwingend jenen des Marktes entsprechen.

Bei Punkt 2 entspricht das Ergebnis wirklich der aktuellen Markterwartung bezüglich des Gewinnaufschlages und damit dem aktuellen Pricing. Nur wird diese Information schlicht und ergreifend nicht zu generieren sein. Bestenfalls kann man aus den veröffentlichten Jahresabschlüssen Näherungswerte generieren, die dann allerdings nicht für die aktuellen Produkte am Markt, sondern für alle Tarifgenerationen gelten.

Zu Punkt 3: Im ersten Schritt werden jene Eigenmittel ermittelt, die das übernehmende Unternehmen für diesen Bestand vorhalten muss. Insbesondere in der kapitalbildenden Versicherung (aber nicht nur) wird dabei dem Marktrisiko eine hervorragende Bedeutung zukommen. Gegebenenfalls wäre auch hier, wenn sich das Risikoprofil des den Fair Value ermittelnden Unternehmens von jener des Marktes aufgrund von Unterschieden in der Veranlagung deutlich unterscheidet, eine Anpassung auf das (Markt-)Risikoprofil der Branche vorzunehmen. Im nächsten Schritt wird der so ermittelte Eigenmittelbedarf um eine Zielbedeckungsquote erhöht. Ein Erwerber würde wiederum eine eigene Zielbedeckungsquote heranziehen. Bei der Ermittlung eines Marktwertes sollte man versuchen auf Basis von Marktwerten zu arbeiten. Der Bedeckungsmittelwert der Branche eines Landes könnte sich hier als Zielgröße anbieten. Nunmehr hat man jenes Kapital ermittelt, das der Erwerber vorhalten muss, um den Bestand zu erwerben.

Auf diese Zielgröße wird nunmehr die vom Markt für das Unternehmen erwartete Eigenkapitalrendite angewendet. Die Gesamthöhe des erwarteten Gewinns hängt dabei natürlich auch von der erwarteten Restlaufzeit der Verträge ab. Wenn man es sehr ausgeklügelt machen möchte, könnte man den erwarteten Verlauf des Solvency Capital Requirement (SCR) über die Abwicklungszeit ausfindig machen und auf den jeweiligen Wert die pro Jahr ermittelte Eigenmittelrentabilität anwenden. Alternativ kann ein Abbaumuster festgestellt werden und somit auch der über die Laufzeit erwartete Gewinn.

Indirekte Variante: Top-down

Alternativ kann man versuchen aus bestehenden Indikationen über den (Transaktions-)Wert von Gesamtbeständen oder für das gesamte Unternehmen den Zeitwert für die Versicherungsbestände zu extrahieren.

Deutlich einfacher ist, wenn man Vergleichswerte aus Portfoliotransfers vom Markt hat. Aus diesen Transaktionen lassen sich Vergleichswerte ermitteln, die man durch verschiedene Anpassungen auf den jeweiligen Bestand skalieren kann und so den Zeitwert des jeweiligen Bestandes ermittelt.

Denkbar ist auch, aus dem Unternehmenswert im Rahmen eines Subtraktionsverfahrens den Zeitwert der Versicherungsverbindlichkeiten zu ermitteln. Dieses Verfahren hat allerdings den Nachteil, dass in jeder Unternehmensbewertung bereits ein Wert enthalten ist, der jedenfalls nicht direkt festgestellt werden kann: der Firmenwert. Somit müsste man, um im Rahmen eines Subtraktionsverfahrens den Zeitwert der Verbindlichkeiten ermitteln zu können, einen klaren Anhaltspunkt für den Firmenwert haben, da bei einer Überleitung vom Unternehmenswert auf den Zeitwert der versicherungstechnischen Rückstellungen auch der Firmenwert abgezogen werden muss.

Die Wahl der Variante

Aus unserer Sicht ist die Bottom-up-Variante eindeutig zu bevorzugen. Unabhängig davon, welche Variante ausgewählt wird: Bei der Bilanzierung zu Zeitwerten wird die Gewinnmarge nicht aus der Profitabilität des jeweiligen Produktes, sondern auf Basis der Gewinnerwartung des Marktes definiert. Somit kann es deutliche Unterschiede zwischen den retrospektiven Varianten und der Verwendung des Zeitwertes geben.

Es wird sich relativ bald zeigen, welche Bilanzierungsvarianten die von IFRS 17 betroffenen Unternehmen am 1. Jänner 2023 wählen werden, um die versicherungstechnischen Rückstellungen zu bewerten.

Green

Entwurf des EFRAG – Start für IFRS 17?

Mit 30. September wurde der Startschuss für die Übernahme des IFRS 17 in den Rechtsbestand der EU (Endorsement) gegeben, indem die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) den Draft Endorsement Advice (DEA) veröffentlicht hat. Gleichzeitig hat die EFRAG um Kommentare zu diesem Dokument gebeten und dafür eine Frist bis 29. Jänner 2021 eingeräumt.

Bereits jetzt besteht somit Klarheit, dass die EFRAG dem IFRS 17 (der vom IASB am 26. Juni 2020 adaptierten Fassung) sehr positiv gegenübersteht. Dissens besteht jedoch weiterhin hinsichtlich der Bewertung auf Ebene der Annual Cohorts – ein Umstand, der schon im Vorfeld insbesondere für die Bewertung von Lebensversicherungsverträgen mit generationsübergreifenden Gewinnbeteiligungssystemen stark kritisiert worden war. Eine zusammenfassende Darstellung der damit verbundenen Problemstellungen findet sich in Annex 1 des DEA.

Es ist anzunehmen, dass die EFRAG schlussendlich eine Empfehlung für die Übernahme von IFRS 17 in den Rechtsbestand der EU empfehlen wird. Inwieweit es Änderungen hinsichtlich der Vorgaben zu Annual Cohorts geben wird, ist vermutlich von Qualität und Menge der dazu abgegebenen Kommentare abhängig. So gibt es den Vorschlag, dass Annual Cohorts in Anwendung des Variable Fee Approach (VFA) nicht erforderlich sind. Allerdings besteht bereits eine leichte Mehrheit (9 zu 7) in der EFRAG, die eine Übernahme des IFRS 17 einschließlich der Anforderung von Annual Cohorts befürwortet.

Green

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