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Die COVID-19-Pandemie hat der Weltwirtschaft unvorbereitet die Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums vor Augen geführt. Doch auch unabhängig von Corona blicken wir zukünftig auf niedrigere Wachstumsraten. Hat die Wirtschaft ihre Wachstumsgrenzen überschritten? Oder besteht die realistische Möglichkeit der Etablierung eines ökonomisch und ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsmodells?

Die europäische Wirtschaft hat die Jahre, in denen es vor allem um die Bewältigung der Finanzkrise ging, erfolgreich hinter sich gelassen. Nachdem in den letzten Jahren die außenwirtschaftliche und geopolitische Unsicherheit signifikant angestiegen ist, findet sich die europäische Wirtschaft aktuell inmitten der stärksten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg wieder.

Auch nach der Rückkehr positiver Wirtschaftswachstumsraten wird es mehrere Jahre dauern, bis die Output-Niveaus von 2019 – wenn überhaupt – wieder erreicht werden können. Es wäre jedoch verkürzt, die Ursache für diesen strukturellen Wandel nur in der Pandemie zu suchen.

Die Frage der Grenzen

In der jüngsten Langfristprognose des IHS (Institut für Höhere Studien) wird die durchschnittliche BIP- Wachstumsrate 2020 bis 2024 in Österreich +0,7 Prozent betragen. Zwischen 2015 und 2019 waren dies noch +1,9 Prozent gewesen. Und dies gilt nicht nur für Österreich. Wo liegen die Ursachen dieser strukturellen Verlangsamung? Stehen wir vor einer Abkehr des von Wachstum geprägten Wirtschaftsmodells?

Die Frage nach den Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums und den Problemen des volkswirtschaftlichen Wachstumsdogmas stellt sich in zunehmender Art und Weise bereits seit den 1970er-Jahren, als der erste „Club of Rome“-Report systematisch die Nachhaltigkeit des Wirtschaftsmodells zum Thema machte. Wirtschaftswachstum wurde schon damals nicht als Selbstzweck gesehen, sondern muss wirtschaftliche Interessen mit der Wohlfahrt von Menschen und Umwelt verbinden. Die Klima- und Umweltproblematik, der technologische Fortschritt und der demografische Wandel sind dabei, unsere Gesellschaft von Grund auf zu verändern.

Die öffentliche Hand hat dabei die Herausforderung zu meistern, mit einem neuen Wachstumsmodell auf diese strukturellen Veränderungen zu reagieren. Es gilt die Begrenztheit der Ressourcen zu respektieren und gleichzeitig die Wahrung der Interessen von Unternehmen sowie Arbeitnehmern für die Zukunft zu gewährleisten. Diese Begrenztheit zeigt sich dabei sowohl in den natürlichen Ressourcen als auch im zukünftigen Arbeitskräftepotenzial.

Modell der Zukunft

Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Diskussion einzuordnen, im Zuge der COVID-19-Krise nachhaltig wachstumsstimulierende Maßnahmen zu setzen. Nur was „nachhaltiges Wachstum“ ermöglicht, soll im Rahmen der strukturpolitischen Maßnahmen umgesetzt werden. Im Rahmen des „EU Green Deals“ wird dabei ein besonderer Fokus auf Digitalisierung und Ökologisierung gelegt. Ist die Pandemie damit eine Chance, dem Wachstumsdogma zu entfliehen? Wie kann so ein Wirtschaftsmodell der Zukunft aussehen?

Zu Beginn jeder strategischen Annäherung an dieses Thema ist festzustellen, dass übermäßiger Ressourcenverbrauch und Umweltprobleme kein Selbstzweck sind, sondern Nebenwirkungen von eigentlich erwünschten wirtschaftlichen Prozessen darstellen. Produkte und Dienstleistungen werden produziert und konsumiert, weil sie wirtschaftlichen Nutzen stiften. Jede Art der Etablierung eines nachhaltigen Wachstumsmodells stellt damit keine Abkehr von wirtschaftlichen Überlegungen dar – vielmehr ist es erforderlich, dass sich Nachhaltigkeit in (Preis-)Transparenz niederschlägt. Knappe Ressourcen müssen als solche bewertet werden. Gleichzeitig darf das Ziel nicht aus den Augen verloren werden, in der Welt von morgen wettbewerbsfähig zu bleiben – und trotzdem unter anderem das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen.

Diese wirtschaftspolitische Agenda ist von den öffentlichen Entscheidungsträgern in eine nachhaltige Wirtschaftsstrategie einzubringen, die einen doppelten – digitalen und ökologischen – Wandel vorantreibt. Im Green Deal sind die Eckpunkte dieser Strategie festgehalten, wo die vier Dimensionen Umwelt, Produktivität, Stabilität und Gerechtigkeit zusammengeführt werden. In all diesen Bereichen stellt volkswirtschaftliche Kostenwahrheit einen wichtigen Schlüssel zum Erfolg dar. Nachhaltig bepreiste Produktionsprozesse und die Bewertung von knappen Ressourcen und Berücksichtigung in Güter- und Dienstleistungspreisen bilden den Rahmen für nachhaltiges wirtschaftliches Handeln.

Wachstum neu denken

Dieses nachhaltige Wachstumsmodell kann jedoch nur funktionieren, wenn es eine akkomodierende wirtschaftspolitische und rechtliche Begleitung durch den Fiskus gibt. Die Balance aus Stimulus und Investitions- bzw Innovationsförderung einerseits und einer ausgeglichenen Budgetpolitik auf nationaler Ebene andererseits ist dabei mindestens genauso wichtig wie eine konzertierte Strategie der Europäischen Union.

Was bedeutet dies nun für die eingangs gestellte Frage des Wachstumsmodells der Zukunft? Kann die Volkswirtschaft ohne positive Wachstumsraten funktionieren? Eine wichtige Frage ist dabei jene, ob mit Wachstum immer nur quantitativ messbares oder auch qualitatives Wachstum umfasst ist. Das Bruttoinlandsprodukt als wichtigstes makroökonomisches Messinstrument umfasst zwar den Wert aller Güter und Leistungen der Volkswirtschaft – es gibt jedoch einige Komponenten, die noch nicht umfasst sind: Die Lebensqualität mit dem Wert der Freizeit und der Qualität der Umwelt, das Bildungsniveau und die Leistungen, die im Haushalt erbracht werden, sind nur einige von vielen Beispielen.

Um vor diesem Hintergrund nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen, müssen diese Komponenten auch vom Gesetzgeber entsprechend berücksichtigt werden. Ein Rahmen muss vorgegeben werden, der ein stabiles und berechenbares Planungsumfeld schafft.

In einem solchen Rahmen kann Volkswirtschaft auch mit niedrigeren Wachstumsraten bzw Nullwachstum funktionieren – und bietet innovativen Unternehmern trotzdem weiterhin die Chance auf erfolgreiche Geschäftsmodelle. Auch dann, wenn sowohl ökonomische als auch ökologische Kosten berücksichtigt werden.