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Dimensionen Öffentlicher Sektor - Medizin aus der Ferne

Medizin aus der Ferne

Medizin aus der Ferne

Dimensionen

Dimensionen – Öffentlicher Sektor

Die Sonderausgabe der KPMG Fachzeitschrift für den öffentlichen Sektor beleuchtet aktuelle Themen und Trends aus Audit, Tax und Advisory.

Die Bevölkerung wird immer älter und leidet häufiger an chronischen Erkrankungen. Gleichzeitig wird die Medizin spezialisierter und Patienten stellen höhere Ansprüche an medizinische Leistungen und Services. Ist Telemedizin die Lösung?

 

Über die letzten Jahrzehnte war in Österreich ein stetiger Anstieg der Gesundheitsausgaben bemerkbar. Während im Jahr 1990 8,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Gesundheit aufgewendet wurden, lagen die Gesundheitsausgaben im Jahr 2017 bereits bei 11,2 Prozent. Es wurden schon in der Vergangenheit verschiedene Optimierungsmaßnahmen gesetzt, um diesem Kostenwachstum – bei gleichzeitigem Erhalt einer medizinischen Versorgung auf hohem Niveau – begegnen zu können. Eine Möglichkeit dafür wird derzeit in der Implementierung von Telemedizin gesehen. Zahlreiche Institutionen sind aktuell mit der Evaluierung potenzieller Anwendungsfelder beschäftigt oder haben bereits erfolgreich Projekte in diesem Bereich implementiert.

 

Wie funktioniert Telemedizin?

Bei Telemedizin handelt es sich um Gesundheitsdienstleistungen, die aus der Ferne mittels verschiedener Informations- oder Kommunikationstechnologien erbracht oder angeboten werden. So werden beispielsweise über Apps Gesundheitsdaten ausgetauscht sowie Alarme bei Abweichungen von Normwerten abgegeben und Erinnerungen hinsichtlich Medikamenteneinnahme und Arztterminen gesetzt. Um einen zusätzlichen Nutzen für Patienten zu generieren sowie Kosteneinsparungseffekte für das Gesundheitswesen zu erzielen, empfiehlt sich der Einsatz von Telemedizin besonders bei der Versorgung chronisch Kranker, da diese eine zunehmende Herausforderung für das Gesundheitswesen darstellen. Durch das Erfassen und Übertragen einfach messbarer Daten, wie beispielsweise Blutdruck, Herzfrequenz oder Gewicht können fundierte Aussagen über den Gesundheitszustand von Patienten getroffen werden.

 

Höhere Qualität der Leistung

Die Möglichkeit der kontinuierlichen Überwachung von Gesundheitsdaten eröffnet neue Behandlungspfade und führt zu einer verbesserten Versorgungsqualität. Treten medizinische Auffälligkeiten oder unerwünschte Ereignisse auf, werden diese zeitnah erfasst und Interventionen können bei Bedarf frühzeitig eingeleitet werden. Die Kommunikation zwischen Gesundheitsdiensteanbieter und Patient erfolgt primär telefonisch und es bedarf in vielen Fällen keines physischen Ambulanz- oder Arztbesuchs.

 

Vorteile für Patienten

Diese reduzierte physische Präsenz stellt gleichzeitig einen wesentlichen und unmittelbar spürbaren Vorteil für die Patienten dar. Längere Kontrollintervalle auf der Ambulanz gehen mit einer deutlichen Zeit- und Kostenersparnis für die Betroffenen einher und führen in weiterer Folge zu einer erhöhten Lebensqualität. Bewohner in ländlichen Gebieten profitieren besonders von telemedizinischen Maßnahmen, da sie dadurch an ein Versorgungsnetzwerk angeschlossen sind, für welches sie üblicherweise lange Fahrtzeiten in Kauf nehmen müssten.

Zusätzlich kann als unmittelbarer Nutzen für Patienten die Reduktion der Mortalitätsrate genannt werden. Die verbesserten Überlebensraten sind darauf zurückzuführen, dass medizinische Auffälligkeiten häufiger und früher entdeckt werden und die Reaktionszeit bei erforderlichen medizinischen Interventionen eine deutlich kürzere ist. Untersuchungen im Bereich der Nachsorge und Überwachung von implantierten Herzschrittmachern und Defibrillatoren haben ergeben, dass bei einem Einsatz von Telemedizin bis zu 50 Prozent mehr medizinische Auffälligkeiten entdeckt werden.

Durch Telemedizin werden medizinische Auffälligkeiten häufiger und früher entdeckt.

Entlastung der Krankenanstalten

Neben dem klinischen Nutzen einer kontinuierlichen Überwachung der Betroffenen, geht Telemedizin mit verminderten Ambulanzfrequenzen und einer optimierten innerklinischen Ressourcennutzung einher. Zudem können durch das frühzeitige Erkennen eines schlechteren Gesundheitszustandes und entsprechenden Gegensteuerungsmaßnahmen stationäre Aufenthalte vermieden oder zumindest verkürzt werden. Bei dem konkreten Anwendungsbeispiel „Telemedizin in der Nachsorge von implantierten Herzschrittmachern und Defibrillatoren“ werden Reduktionen der Ambulanzfrequenzen bis zu 60 Prozent beschrieben. Hinsichtlich der optimierten Ressourcennutzung konnten in dem Bereich ebenfalls deutliche Effekte nachgewiesen werden. Untersuchungen haben ergeben, dass das innerklinische Personal im Durchschnitt 1,3 Minuten mit einer telemedizinischen Kontrolle beschäftigt ist, während eine konventionelle Kontrolle das Personal bis zu 27 Minuten bindet. 

Derzeit fällt etwa ein Drittel der Gesundheitsausgaben in Österreich im stationären Sektor an. Durch einen flächendeckenden Einsatz von Telemedizin wäre mit einer Entlastung des gesamten Gesundheitssystems zu rechnen.

 

So leicht kann es gehen

In Dänemark ist Telemedizin mittlerweile in die Regelversorgung integriert. Nach dem einjährigen Pilotprojekt „TeleCare North“ mit Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung im Norden des Landes hat sich die telemedizinische Versorgung in dieser Region etabliert und konnte sogar auf die Indikation Herzmuskelschwäche ausgeweitet werden. Zudem wurde ein „Virtual Hospital“-Konzept entwickelt, mit dem Ziel zuhause die gleiche Versorgungsqualität wie im Krankenhaus gewährleisten zu können. Dieses Versorgungskonzept findet großen Zuspruch in der Bevölkerung und reicht von der Wundversorgung bis hin zur Überwachung von Schwangerschaftskomplikationen.

Auch in Österreich laufen erfolgreiche Pilotprojekte. „HerzMobil“ ist ein umfassendes Versorgungsprogramm für Patienten mit Herzmuskelschwäche und wird mittlerweile in der Steiermark und in Tirol eingesetzt. Mit dem Hintergrund, die Gesundheitsversorgung in Österreich weiterhin auf einem hohen Niveau zu halten, könnten solche Pilotprojekte künftig auf andere Krankheitsbilder ausgeweitet und in einem nächsten Schritt in der Regelversorgung integriert werden.

 

Autoren

Tanja Jirak 

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